Die heutige Intimität entsteht in einem Spannungsfeld zwischen institutioneller Sicherheitslogik und dem intersubjektiven Begehren. Dass der Begriff der „Zustimmung“ zum zentralen Orientierungspunkt geworden ist, ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung, die körperliche Sicherheit und Risikominimierung priorisiert. Doch diese institutionelle Rationalität deckt sich nicht notwendigerweise mit der Struktur des Begehrens zwischen Menschen.
Historische und soziale Verschiebungen
Die Stärkung der Zustimmungskultur hat eine historische Vorgeschichte: Veränderungen der sozialen Stellung von Frauen, die zunehmende Sichtbarkeit sexualisierter Gewalt und die juristische Neubestimmung sexueller Selbstbestimmung. Institutionen wurden geschaffen, um körperliche Risiken zu reduzieren, und in diesem Prozess wurde Intimität zu einem Bereich, der zunehmend reguliert und normiert wird. Intimität, die eigentlich von Ambivalenz und situativer Offenheit lebt, wird durch institutionelle Logiken in klare Kategorien und Grenzziehungen überführt.
KI als Verstärker institutioneller Normen
Künstliche Intelligenz verstärkt diese Entwicklung. Da KI mit Ambiguität schlecht umgehen kann und stets nach eindeutigen Normen verlangt, reproduziert sie die institutionellen Werte von Sicherheit, Zustimmung und Risikomanagement. Dadurch wird Intimität weiter formalisiert und in eine kalte, regelhafte Struktur überführt.
Das Begehren und seine Grenzen
Das Begehren jedoch folgt nicht den institutionellen Vorgaben. Intersubjektives Begehren überschreitet die Grenzen, die Institutionen setzen. Doch die Institutionen lassen diese Überschreitung nicht zu. Hier entsteht die „Unmöglichkeit der Intimität“ in der Gegenwart: Institutionen bieten Sicherheit, aber sie verengen zugleich den Raum des Begehrens und reduzieren die Freiheit zwischenmenschlicher Beziehungen.
Schlussfolgerung
Die Schwierigkeiten moderner Intimität sind kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles Resultat institutioneller Rationalitäten. Zustimmung als Sicherheitsgarantie, Risikomanagement als gesellschaftliche Leitlogik und die normative Verstärkung durch KI führen dazu, dass Intimität reguliert und das Begehren von den institutionellen Erwartungen getrennt wird. Die Unmöglichkeit der Intimität ist kein Fehler des Systems, sondern die Konsequenz einer gesellschaftlichen Entscheidung, Sicherheit über Ambivalenz zu stellen. Wir leben heute in einer Struktur, in der institutionelle Sicherheit und intersubjektives Begehren dauerhaft miteinander kollidieren.
